Gute Fachkräfte sind immer schwerer zu finden – EMS-Schwergewicht Zollner hat daher Konzepte für Ausbildung und Schulung entwickelt, um eigenes Personal aufzubauen. Systemlieferant Ersa unterstützt das Zollner-Technikum u.a. mit einem VERSAPRINT S1-3D und einer VERSAFLOW 4/55.

Anwenderbericht | Erschienen in: EPP 03 / 2018
Autor: Radek Lauer

Der Arbeitsmarkt ist leergefegt und Fachkräfte bleiben auch weiterhin Mangelware. Wie also lässt sich den wachsenden Anforderungen auf Kundenseite entsprechen und eine ohnehin große Fertigungstiefe weiter ausbauen? Zollner Elektronik hat durchdachte Konzepte für Ausbildung und Schulung entwickelt, um dieser Herausforderung begegnen zu können. Systemlieferant Ersa hilft mit.

Ungebremst auf der Überholspur: Seit der Gründung im Jahr 1965 als Ein-Mann-Unternehmen im bayerischen Zandt, ist die Zollner Elektronik organisch gewachsen. Heute arbeiten über 10.800 Mitarbeiter für den EMS-Anbieter, der schon seit Jahren zu den weltweiten Top-15 zählt. Der ungebrochene Erfolg beflügelt und lässt Expansionspläne rasch vorantreiben. Bemerkenswert dabei: Das Wachstum findet nicht allein im Ausland statt. Der Elektronikfertigungsdienstleister wächst auch im Heimatmarkt Deutschland. Im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze ist der Mechatronik-Dienstleister von jeher gut aufgestellt – die acht deutschen ZollnerStandorte rund um Zandt liegen alle in einem Umkreis von 30 km und beschäftigten alles in allem weit über 5000 Mitarbeiter. Um das geplante Wachstum realisieren zu können, muss auch das Zollner-Team weiter wachsen.

Großes Engagement als Ausbilder plus Schulung

Dazu braucht es eine Strategie – gerade in einem Landkreis, in dem nahezu Vollbeschäftigung herrscht. Permanent werden im Hauptwerk Erweiterungen umgesetzt, um den wachsenden Anforderungen auf Kundenseite zu entsprechen und die ohnehin große Fertigungstiefe weiter auszubauen. So wurde etwa für Kunden aus der dynamischen Medizingerätebranche eine 12.500 m² große Fertigungshalle erstellt, in der gemäß der strengen FDA-Normen produziert wird (FDA für „Food and Drug Administration“, die amerikanische Lebensmittelüberwachungs und Arzneimittelzulassungsbehörde). Dadurch ist es möglich, die kontinuierlich steigenden nationalen und internationalen Anforderungen gemäß Sauber- und Reinraumproduktion zu erfüllen. Auf dieser Fläche, die Ende des ersten Quartals 2018 mit einem Teilbereich die Produktion aufnehmen wird, können nur Fachkräfte zum Einsatz kommen, welche diese hohen Vorgaben zuverlässig mit fundiertem Know-how und Berufserfahrung erfüllen können.

Hier profitiert Zollner von seinem großen Engagement als Ausbildungsbetrieb, durch das der EMS einen Teil des Nachwuchses an Fachkräften seit vielen Jahren aus eigener Kraft sichert: Jährlich absolvieren rund 80 Auszubildende ihre Berufsausbildung bei Zollner und werden nach erfolgreichem Abschluss in der Regel direkt übernommen. Auf diese Weise haben bereits weit über 1600 Jugendliche einen Beruf im Unternehmen erlernt, das dann auch in fast allen Fällen erste Station ihrer beruflichen Laufbahn wurde.

Löttechnik-Qualifizierung für Fachkräfte

Aber die Ausbildung von Jugendlichen allein kann es nicht richten. Das weiß man bei Zollner – und setzt daher zusätzlich auf Schulung der eigenen Beschäftigten. Ein erstes Schulungszentrum wurde bereits 2005 im Hauptwerk gegründet, in dem die Fachkräfte für das Handlöten geschult wurden. Gestartet war man mit Handlötschulungen, um den Lötfachkräften eine einheitliche Grundausbildung zukommen zu lassen. Konkret werden heute in diesem Bereich die AVLE Module 1 (Grundlagen und THT-Schulung) und 2 (SMT-Basisschulung) geschult.
AVLE ist das Kürzel für den Ausbildungsverbund Löttechnik Elektronik, in dem sich Firmen aus Elektronikproduktion, Maschinen- und Gerätehersteller sowie Forschung & Entwicklung zusammengeschlossen haben mit dem Ziel, Qualität, Zuverlässigkeit und Reproduzierbarkeit von Handlötstellen zu verbessern. Gegründet wurde der AVLE unternehmensübergreifend durch Rafi, Hannusch Industrieelektronik, Zollner Elektronik und Ersa. Das Schulungsangebot ist offen für alle Interessierten. Wo immer die AVLE-Module zum Einsatz kommen, liefern hochwertige Schulungsunterlagen, professionell ausgestattete Kursstätten und qualifizierte Trainer aus der Praxis allen Teilnehmern wichtiges Hintergrundwissen kombiniert mit praktischen handwerklichen Fertigkeiten.

Zielgruppe der Handlötschulungen sind insbesondere die eigenen Beschäftigten. Die Qualifizierung zur Fachkraft für Löttechnik ist auf vier Wochen angelegt – eine Woche für den AVLE-Part, gefolgt von drei kompakten Wochen mit IPC-zertifizierten Schulungen, Prozessanweisungen, SAP, Umgang mit Fehlern und praktische Arbeiten. „Vor drei Jahren haben wir unser Schulungszentrum nach Altenmarkt verlagert – dort stehen uns jetzt insgesamt 600 m² zur Verfügung“, erläutert Christian Groitl. Neben der Infrastruktur für die Handlötschulungen kam eine Freifläche für ein Technikum dazu. „Dort haben wir seither Schritt für Schritt einen Maschinenpark aufgebaut, der das Zollner-Geschäft abbildet und ein Stück weit in die Zukunft trägt – für alle Eventualitäten und Spielarten des Lötens haben wir hier Bestückautomaten stehen, eine Reflow-Lötanlage, Lackieranlage, Lasernutzen, AOI-System, einen Versaprint Schablonendrucker von Ersa mit voll integrierter 3D-Inspektion, SPI und seit einigen Monaten auch mit der Versaflow 4/55 die neueste Generation der Ersa High-End-Selektivlötanlage, die bei uns vielfach als Anlage der dritten Generation im Einsatz ist“, fügt der Prozessexperte im Trainingscenter hinzu. Groitl ist seit 16 Jahren im Unternehmen.

Selektivlötanlage im Trainingscenter

Dass im Trainingscenter beim Selektivlöten die Wahl auf Ersa fiel, ist kein Zufall: Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Zollner und Ersa dauert inzwischen über 30 Jahre an – in dieser Zeit wurden mehr als 60 Lötmaschinen an Zollner für unterschiedliche Anforderungen ausgeliefert. Die Versaflow 4/55 hat im Zollner-Trainingscenter alle wichtigen Leistungsmerkmale an Bord. Zu den wichtigsten Features zählen die Sprühtropfenmessung, automatische Breitenverstellung der Sprühköpfe, Tiegel, ordentliche Vorheizstrecke in Kombination mit Strahlung und Konvektion – auch unter dem Aspekt, dass sich das System im Tagesgeschäft einer echten Fertigung bewähren muss: Etwa um Nachrüstung zu vermeiden und für höchste Flexibilität, beispielsweise zur Simulation komplexer Produkte in jeder Hinsicht oder die Anbindung an MES. Um die Prozesse sichtbar zu machen, verfügt die Trainingscenter-Maschine über Plexiglasscheiben. Die regulären Türen wurden für alle Fälle mitgeliefert. Denn es kam auch schon vor, dass eine Anlage zwar für das Trainingscenter bestimmt war, aber dringender in der Serienfertigung gebraucht wurde – im konkreten Fall lautete die finale Destination für die Ersa-Maschine, die gerade mal eine Woche in Deutschland stand, dann kurzerhand Costa Rica, wo Zollner Anfang 2015 einen neuen Standort eröffnete.

Unabhängige Tests von der Serienproduktion

Seit dem Umzug nach Altenmarkt ist es möglich, alle möglichen Schulungen an größeren Lötmaschinen und -systemen durchzuführen. Egal, ob IPC, RFID, Evaluierungen, Sonderschulungen oder Tests: Alles findet unabhängig von der Serienproduktion statt, die bislang für solche Tests oder ähnliche Vorhaben immer wieder gestoppt werden musste– wenn auch nur innerhalb sehr enger Zeitfenster. Aber eine Maschine in der Serienproduktion, die nicht fertigt, wird aus Sicht der Produktionsleitung immer als kritisch eingestuft. Egal ob es um die Aufspielung von Softwareupdates, die Anbindung in puncto Traceability oder schwierige Boards zum Beispiel im Format von 620 mm x 502 mm geht – was in der Serie stört, ist im Schulungscenter willkommen. In realer Testumgebung wird bis ins kleinste Detail alles auf Herz und Nieren geprüft: Prototypen und Muster werden gefertigt, evaluiert und zurück in die Serie gereicht.
Parallel zu den Handlötschulungen werden bei Zollner seit dem Jahr 2014 nach dem Train-the-Trainer-Prinzip interne SMTTrainer ausgebildet. „Dazu wählen wir Mitarbeiter aus verschiedenen Fertigungsbereichen aus, die besonders gut sind beim Unterweisen – wir sprechen hier von einer Gruppe von acht, neun Leuten. Mit diesen erstellen wir zusammen Schulungsunterlagen, die wir beim Einlernen neuer Kolleginnen und Kollegen einsetzen“, erläutert Christian Groitl. Ein neuer Mitarbeiter in der SMT-Fertigung bekommt damit innerhalb von drei Monaten strukturiert die anstehenden Arbeiten und Abläufe beigebracht – in diese Zeit fallen Meilensteine und Prüfungen, in denen das nötige Wissen abgefragt wird. Ziel ist es, den neuen Kollegen so schnell als möglich mit so wenig Aufwand wie möglich zum Arbeiten auf Zollner-Niveau zu befähigen. Für die Akklimatisierung in der Fertigung bekommt der neue Kollege einen Paten zur Seite, um die ersten Arbeiten leichter bewältigen zu können. Dann wird ein, zwei Tage selbstständig gearbeitet, bis das Gelernte sicher sitzt. Erst dann folgt die Aufgabe auf der nächsten Komplexitätsstufe.

Schulungen über Landesgrenzen hinaus

Auch bei Anfragen von Zollner-Kunden zum Prozess können die Lötmaschinen für einen bestimmten Zeitraum reserviert werden. Für jede Löttechnologie steht ein Technologieverantwortlicher als ausgewiesener Experte bereit. Für einen reibungslosen Start im zentralamerikanischen Costa Rica kamen die neuen Kollegen zur Schulung nach Altenmarkt, um die Abläufe auf den Lötsystemen unter Anleitung erfahrener Experten kennenzulernen. Die für die Costa-Rica-Fertigung ausgewählten Lötsysteme wurden in Deutschland aufgebaut und eingefahren – ebenfalls in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Costa Rica. So konnte das Team aus Costa Rica gut vorbereitet den Betrieb aufnehmen.

Die Zollner-Schulungen ziehen Kreise, die über die eigenen Landesgrenzen hinausgehen: Aktuell ist Zollner damit beschäftigt, seine Schulungen auch in Richtung Rumänien und Ungarn auszurollen, wo der Elektronikfertigungs-Dienstleister seit vielen Jahren erfolgreich weitere Standorte betreibt. Geschult wird dort schon seit geraumer Zeit – in Ungarn seit 2007, in Rumänien seit 2011. Jetzt geht es verstärkt darum,
diese Schulungen auf dem gleichen Standard wie in Deutschland durchzuführen. Neben der IPC-Zertifizierung ist vor allem wichtig, dass die Schulungen in Landessprache durch Muttersprachler erfolgen. Nur so funktioniert der Know-how-Transfer auf Werker-Ebene. Wenn man die Zollner-Prozessexperten fragt, wohin die Reise geht, lautet die Antwort aus der Runde: Traceability war 2004 Neuland für EMS-Pioniere, heute längst Standard – künftig werden die generierten Daten von Linien und Prozesse über Datenbanken aus der Cloud verknüpft. Und das wird vermutlich hier im Zollner-Trainingscenter simuliert und realisiert. Die Kollegen werden dann detailliert darauf geschult – egal ob in Europa, Afrika, Amerika oder Asien.

Schulung als Recruitingtool

Zollner Elektronik zählt heute zu den weltweiten Top-15 der EMS-Anbieter. Stammsitz ist seit der Gründung Zandt, zudem hat sich der EMS mit seinen 17 weiteren Standorten in Deutschland, Ungarn, Rumänien, China, Tunesien, den USA, der Schweiz, Costa Rica und Hongkong auch auf internationalem Parkett etabliert. Die derzeit über 10.800 Mitarbeiter generierten 2016 einen von 1,25 Mrd. Euro. Um die Expansionsbestrebungen auch personell vorantreiben zu können, investiert Zollner in Schulungs- und Ausbildungscentren mit modernem Maschinenpark.

Ersa-Radek-Lauer
RADEK LAUER
AREA SALES MANAGER

Folgende Artikel könnten Sie auch interessieren

Siemens Österreich: Rekordverdächtige Zykluszeit

Das Kerngeschäft von Siemens Österreich konzentriert sich auf Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung. Der auf Stromversorgung ausgerichtete Standort in Wien setzt in seiner Elektronikfertigung auf eine VERSAFLOW 4/55 mit VERSAFLEX Selektivlötmodul.

Ersa stattet neue Tridonic-Produktion aus

Neben Fertigungsstandorten in Österreich, UK und China eröffnete Tridonic, Anbieter für Beleuchtungskomponenten und Lichtmanagementsysteme, 2018 ein Werk im serbischen Niš – für den individuell zugeschnittenen Fertigungsprozess wählte man VERSAPRINT P1, HOTFLOW 3/20 und POWERFLOW.

Tridonic: Kleberinspektion at its best

Um die Herausforderungen in puncto Druckprozess und First Pass Yield in den Griff zu bekommen, hat sich das österreichische Unternehmen Tridonic für den Einsatz des VERSAPRINT P1 Schablonendruckers mit 100%-Inspektion entschlossen.

Mit permanentem Wandel zum Erfolg

Es ist unstrittig: Der Schablonendruck ist der wichtigste Prozess in der Elektronikproduktion. 70 Prozent aller Prozessfehler in der SMT-Linie gehen darauf zurück. Die meisten Fehler im Schablonendruck lassen sich einfach beheben, wenn sie rechtzeitig erkannt werden durch Inspektion des Druckergebnisses ...

Die Zukunft der Elektronikfertigung ist modular

Die Chancen der europäischen Elektronikfertigung liegen in der individuellen, bedarfsorientierten Fertigung kundenspezifischer Produkte – produziert unter effizienten Kostenstrukturen. Dabei garantieren standardisierte High-Tech-Module -integriert in unterschiedlichste Anlagen konzepte und skalierbar ...

Selektiv zum 1.111ten Mal!

Schon die erste Generation der Ersa Selektivlötsysteme aus den 1990ern war mit über 600 verkauften Anlagen ein Kassenschlager – zum absoluten Bestseller und Marktführer in der Selektivlötbranche mutierte die dritte Generation VERSAFLOW 3/45, die inzwischen weit über 1.111 Mal erfolgreich auf Kunde ...